Einleitung
Seit etwa 20 Jahren ist die multimodale Stressbewältigung in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt: Überbelastungen bei der Arbeit, die Vereinbarkeit von Privat- und Arbeitsleben und selbst die Mehrbelastungen durch die zunehmende Digitalisierung sind einige der Quellen, die unsere Gesellschaft vor neue Herausforderungen stellen, die oftmals nicht individuell bewältigt werden. Hierbei hat sich über gesundheitsfördernde und präventive Maßnahmen die Resilienzforschung entwickelt, durch die inzwischen qualifizierten Konzepte zum Selbstmanagement entstanden sind. Eines davon halten Sie gerade in der Hand.
Der Begriff der „Resilienz“ ist nicht einheitlich definiert. Auch die Erfahrung der AHAB-Akademie im Umgang mit TeilnehmerInnen von Resilienztrainings im beruflichen und privaten Umfeld zeigt, dass die wenigsten Menschen ein klares Bild davon haben, was Resilienz eigentlich ist.
Dennoch ist das Interesse an diesem Handlungsfeld im Hinblick auf die Berichterstattungen in Magazinen und TV gewachsen – auch hier ist festzustellen, dass die Auffassung, was Resilienz bedeutet, sehr undifferenziert dargestellt wird.
Folgen wir der landläufigen Meinung, dann ist „Resilienz“ eine Eigenschaft zum gelassenen Umgang mit Krisen bzw. Stress. Die berechtigte Hoffnung vieler Menschen besteht darin, dass diese „Eigenschaft“ erworben bzw. trainiert werden kann.
In vielen Fachliteraturen wird Resilienz als „psychische Widerstandsfähigkeit“ bezeichnet (Vgl. Berndt 2013; Rutter 1995). Darunter wird im Allgemeinen verstanden, dass Menschen in Krisensituationen psychisch stabil und auch bei langanhaltender Belastung sowohl körperlich als auch geistig gesund bleiben.
Für die Einweisung in das Resilienztraining LOOVANZ möchten wir im Folgenden einen kurzen Abriss dazu geben, was in der Fachwelt unter Resilienz diskutiert wird und welches Grundverständnis von Resilienzkonzepten dem LOOVANZ-Trainingskonzept zugrunde liegt.
Das vorliegende Konzept orientiert sich in den Erhebungen, wie auch die Resilienzforschung seit den 50er Jahren, an gesunden, widerstandsfähigen Menschen im Vergleich zu jenen Menschen, die bei ähnlichen Belastungen deutlich anfälliger für Störungen oder Erkrankungen sind. Die Frage, die sich aufdrängt, ist folgende: was macht einen Menschen bei gleicher Belastung stark und den anderen vulnerabel?
Nach unserer Auffassung wird schnell klar, dass Resilienz keine statistische Messgröße ist, wie etwa die Auffassung von Intelligenz in der Psychologie, sondern vielmehr einen dynamischen Prozess im Leben jedes Einzelnen widerspiegelt. In dem Prozess der Krisenbewältigung können Menschen sowohl auf bestimmte Fähigkeiten als auch Verhaltensweisen zurückgreifen, die sie nicht ‚zerbrechen‘ oder krank werden lassen (Vgl. Jessor 1993). Das Resilienzkonzept versucht, genau diese Fähigkeiten und Verhaltensweisen als Faktoren zu identifizieren, die wir brauchen, um in diesem Kontext psychisch widerstandsfähig zu werden.
Dazu gibt es, wie in jeder Wissenschaft, unterschiedliche Auffassungen: Block und Block (1980) verstehen Resilienz als „relativ stabiles Persönlichkeitsmerkmal“. Demnach könnten wir Resilienz als Gesamtfaktor auch messen.
Eine Vielzahl an Studien weist aber darauf hin, dass Resilienz eher einen relationalen Charakter hat. Auch die Verfasser intensiv studierter Konzepte, die der modernen Resilienzforschung zugrunde
liegen, wie beispielsweise der Kohärenzsinn von Antonovsky (1987) Selbstwirksamkeitserwartung von Bandura (1979), vertreten eine ähnliche Meinung.
Aus dieser These ergibt sich, dass für bestimmte krisenhafte Situationen Fähigkeiten von Vorteil sind, die trainiert werden können.
Ein Beispiel: Jemand verliert einen nahen Angehörigen. Nach dem natürlichen Trauerprozess kann die Person die neue Situation, allein zu sein, schnell akzeptieren (Akzeptanz wird in der Resilienzforschung als trainierbare Fähigkeit anerkannt – siehe Seite 16). Allerdings hilft diese spezifische Ausrichtung der Akzeptanzfähigkeit nicht gleichzeitig dabei, eine berufliche Krise erfolgreich zu bestehen.
Anhand dieses Beispiels wollen wir aufzeigen, dass Akzeptanz variabel zur Krisenbewältigung einsetzbar ist und erlernt werden kann, jedoch spezifisch an die Situation angepasst werden sollte.
Folgen wir dieser Argumentationskette, stellt das Resilienztraining, unserer Meinung nach, einen dynamischen Prozess dar, bei dem verschiedene (Schutz-)Faktoren (erlernte/s Fähigkeiten und Verhalten) anforderungsbezogen in bestimmte Krisensituationen zum Einsatz kommen.
Doch nicht nur bewusstes Training, auch Erfahrungen und Biografie eines Menschen bestimmen die Entwicklung psychischer Stärken. Das heißt: Wer viele Krisen erfolgreich bewältigt (hat), lernt dazu. Wer keine Erfahrung im Umgang mit existenziellen Herausforderungen erlebt, tut sich in einer Krise umso schwerer.
Sowohl Fähigkeiten als auch grundsätzliche Haltungen wie ein ‚funktionaler Optimismus‘ als verhaltensspezifische Kompetenzerwartung (vgl.: Schwarzer, R. [1994b]) spielen eine Rolle bei der Krisenbewältigung (siehe Resilienzfaktor Optimismus).
Als Fazit können wir hieraus festhalten, dass verschiedene Wege zur Resilienz gibt und der Krisenbegriff das zentrale Element zur Einordnung resilienten Verhaltens ist. Resilienz ist demnach auch ein Ergebnis von Krisen (Vgl. Lösel, Kolip & Bender 1992).
Die frohe Botschaft aus den vielseitigen Forschungsansätzen auf dem Markt lässt hoffen: Resilienz ist trainierbar. Eine Resilienzsteigerung erfolgt sowohl durch die misslungene als auch durch eine gelungene Krisenbewältigung als Erfahrung. Das setzt natürlich grundlegend voraus, dass wir die Erkenntnisse aus einer Krise sinngemäß verwerten und unser Verhalten entsprechend anpassen können, bzw. die Fähigkeiten regelmäßig trainieren.
Welche Resilienzfaktoren als allgemeingültig eingestuft werden, wird in der Fachwelt uneinheitlich definiert. In unserer Arbeit haben wir festgestellt, dass der „Normalbürger“, der keine psychologische Grundausbildung oder erweiterte psychologische Sachkenntnis besitzt mit den Begriffen Selbstwirksamkeitserwartung, Kontrollüberzeugung oder Risikobereitschaft wenig bis gar nichts anfangen kann. Hierbei handelt es sich jedoch um ausgiebig erforschte Konzepte, die der Resilienzförderung zugeordnet wurden (vgl. Bandura, A.: Self-Efficacy, 1977).
In der Praxis empfiehlt es sich, mit Begriffen zu arbeiten, die praxisnäher definiert sind, wobei die oben genannten Begriffe ein Fundament für die folgenden Faktoren bieten. In der Fachliteratur existiert ein Modell von Resilienzfaktoren, das unserer Auffassung nach besser an den allgemeinen Sprachgebrauch angepasst ist und zugleich inhaltlich verschiedene wissenschaftlich nachgewiesene Resilienzfaktoren konzeptionell einschließt. Leicht abgewandelt ergeben sich daraus die Resilienzfaktoren im LOOVANZ-Konzept wie folgt:
- Lösungsorientierung
- Optimismus
- Opferrolle verlassen
- Verantwortung übernehmen
- Akzeptanz
- Netzwerk-Orientierung
- Zukunftsplanung
- Zielorientierung
